Im Dezember 2019 wurde bei meiner Frau, Jessika, ein Hirntumor entdeckt, genauer gesagt ein Glioblastom. Ihre Lebenserwartung sank in Rekordzeit auf ein Jahr, dabei war sie gerade einmal 39 Jahre alt. Der Tumor wurde operativ entfernt und Jessika nach Hause entlassen. Der behandelnde Arzt gab ihr die Botschaft mit auf den Weg: Niemand wird Ihr Leben retten können.

Kein Krebs ist aggressiver als das Glioblastom. Es ist wuchernd, raketenschnell und unberechenbar. Die meisten Erkrankten leben zwölf, vielleicht fünfzehn Monate. Weniger als drei bis sieben Prozent schaffen fünf Jahre. Egal, ob Operation oder Chemotherapie, sämtliche Methoden sind palliativ. So sagt man zu Behandlungen, mit denen man die verbleibende Lebenszeit erleichtern kann. Verlängern kann man sie kaum. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Ein Rennen, von dem man weiß, man wird es verlieren.

Gleich nachdem sich Jessika von der Operation erholt hatte, gingen wir raus, machten Spaziergänge. Wir spazierten gegen die Angst an, gegen den Schmerz. Das half uns, bei Verstand zu bleiben. Ganz gleich, was passierte, wir gingen zwei, vier Stunden. Von Buch bis Grunewald. Wir eroberten uns die Randgebiete von Berlin, und Tag für Tag unser Leben zurück. Wir schmiedeten Pläne, eine Reise nach Japan, eine nach Italien. Wir wollten mit Mut nach vorne schauen und jeden einzelnen Moment genießen. Dann kam Corona. Jessika begann mit den Behandlungen, und die Realität ihrer Krankheit schlug uns mit voller Wucht ins Bewusstsein.

In weniger als einem Jahr wurde Jessika zwei Mal operiert, bekam sechs Wochen lang täglich das Zytostatikum Temozolomid und Bestrahlungen. Das sind die Mittel der Wahl, unverändert seit rund dreißig Jahren, obwohl sie nur geringfügig wirksam sind, insbesondere bei Patienten mit einem sogenannten methylierten Tumor. Er ist resistent gegen eine Chemotherapie. So einen Tumor hatte Jessika.

Jessi folgte eisern dem Behandlungsplan. Trotz aller Bemühen, im August kam der Tumor zurück – eine Woche vor Jessikas vierzigsten Geburtstag. Sie durchstand eine zweite Operation. Wieder konnte der Tumor vollständig entfernt werden. Es folgte eine metronomische Chemotherapie, das heißt, zwei Mal am Tag niedrige Chemo-Dosen sowie zweckentfremdete Medikamente, die das Immunsystem vom Hirn boosten sollten. Sechs Wochen später war der Tumor wieder da, dieses Mal mittig im Hirn. Uns wurde mitgeteilt: Das war’s.

Es ist brutal, machtlos zu sein. Jessika und einige unserer Freunde stürzten sich in die Recherche, wollten alles über die Krankheit herausfinden. Manche Studien ließen Hoffnung aufkeimen. Doch der Tumor überlistete uns jedes Mal mit seinem irrationalen Wesen.

Man mag sich wundern, aber wir hatten einen schönen Sommer mit Freunden und Familie – erfüllt von Liebe, Radtouren, fantastischem Essen, Strandtagen am See und malerischen Spaziergängen. Auch der Nachsommer war voller Schönheit. Wir verbrachten ihn in Südfrankreich.

Jessika ist allem mit unfassbar viel Würde begegnet, mit ihrem ganz eigenen, von mir so geliebten Humor. Sie ist der stärkste Mensch, den ich je getroffen habe.

Sie war wunderschön. Sie ist die Liebe meines Lebens.


Gemäß Jessikas Wunsch haben ihre Freunde und ich eine Seite aufgesetzt, über die wir Spenden zur Erforschung von bösartigen Hirntumoren sammeln. Wenn es Euch möglich ist, bitte zieht in Betracht, zu spenden.